Begegnungen mit Studierenden am RTC

Allgemein

Was mir alles Interessantes aufgefallen ist, darüber möchte ich hier berichten. Meine Einstellung gegenüber vielen Bekanntschaften ist: Ich bin neugierig, lasse mich auf Abenteuer aus Neugier ein, und ich urteile nicht. Vor allem der letzte Punkt ist wichtig, „nicht zu urteilen“. Denn viele, die ich kennengelernt habe, tun Dinge, worauf sie nicht sonderlich stolz sind. Ich begegne ihnen mit viel Liebe und Verständnis. Über gut oder schlecht zu urteilen, dass überlasse ich den Schweizern. 😉

Die Studierenden am RTC

Insgesamt studieren etwa 900 Personen am RTC. Die meisten absolvieren ihr Grundstudium im Vollzeit-Pensum. Die wenigsten machen nebenher etwas. Einige aber schon. Nebenher arbeiten ist ungewöhnlich. Es gibt jedoch verschiedene Clubs auf dem Campus. Beispielsweise der Natur-Club, der Putz-Aktionen organisiert. Oder der Meditation-Club, der Lamas einlädt, die dann (leider) auf Dzongkha referrieren. Oder es gibt den Meditation-Club. Und natürlich gibt es Fussball- und Basketball-Clubs. Die meisten Zusatzaufgaben beschränken sich auf Club-Tätigkeiten.

Von den 900 Studierenden wohnen etwa 500 auf dem Campus. Männer und Frauen sind strikt getrennt. Es gibt zweier, dreier und vierer Zimmer. Es gibt verschiedene „Residences“, also Wohnhäuser. Jedes Wohnhaus hat einen „RE“, einen Verantwortlichen für alle Anliegen der Bewohner. Das ist eine weitere Tätigkeit, die Leute neben dem Studium haben.

Das Studium am RTC ist verhältnismässig sehr teuer. Pro Jahr kostet das Studium zwischen 2’000.00 und 4’000.00 CHF. Es gibt Studierende, die sind wegen guten Leistungen am RTC aufgenommen worden. Andere stammen aus wohlhabenden Familien.

Die Familie bedeutet viel in Bhutan. Benimmt sich der Student schlecht, ruft das RTC die Eltern an. In der Schweiz wäre das genauso unvorstellbar wie unwirksam. Was kümmert es meine Mutter schon, ob ich auf dem Campus geraucht habe?

Apropos. Rauchen ist in Bhutan verboten. Darum auch am RTC. Dennoch rauchen sehr viele Leute hier. In der zehnminütigen Pause verstecken sich die Männer im WC, um ihrer Sucht nachzukommen. Am Mittag gehen Gruppen in den Wald. Diejenigen, die Zigaretten besitzen, haben Tattoos, tragen Ringe mit Totenköpfen. Eine Zigarette wird unter den Leuten geteilt. „Wäre es nicht verboten, wäre der Reiz verloren.“ Das denke ich mir auch. Die Schulleitung versucht verzweifelt, das Rauchverbot durchzusetzen. An jeder öffentlichen Ansprache wird auf das Verbot hingewiesen. Gäbe es einen Platz und würde mit Rauchern nicht wie mit Schwerverbrechern umgegangen, gäbe es bestimmt keine Zigistummel in den Pissoir.

Kiffen ist weit verbreitet unter den Jugendlichen. Ja es gibt sogar welche, die in ihrer Rapmusik Maryjane huldigen. Ausserdem ist es cool. Ich wurde schon mehrmals eingeladen, auch über Mittag. Bisher habe ich abgelehnt. Schliesslich will ich ja keinen Anruf an meine Mutter riskieren.

An einem Wochenende war ich bei einem Kollegen aus dem RTC daheim. Dort traf ich auf viele von meiner Klasse an. Für Schweizer also ungewöhnlich, wer lädt schon seine Klasse am Wochenende nach Hause ein? Der Kollege wohnt in einer Wohnung. Das wiederum ist ähnlich: Ein grosses Haus mit vielen Wohnungen. In seinem Schlafzimmer versammelten sich etwa zwölf Personen. Seine Matratze lag direkt auf dem Boden. Wir sassen in einem Kreis auf dem Boden im Schneidersitz. In der Mitte waren Flaschen von bhutanesischem Whisky, das mit Apfelsaft gemischt wurde. Ausserdem waren da Snacks. Besonders beliebt ist „Koka“, Fertignudeln, das wie Chips bei uns gegessen wird.

Auf dem Campus gibt es viele hübsche Frauen. Die meisten sind in einer Beziehung, nämlich mit Männern vom Campus. Manchmal kommt es mir so vor, als sei der Campus eine grosse Dating-Plattform für die Locals.

Die Bhutanesischen Studierenden müssen die Nationaltracht anziehen. Für Frauen die Kira, für Männer der Gho. (Siehe Foto)

Einige kurze Portraits der Personen, die ich kennengelernt habe.

(An Bhutanesen: Falls du mit Google-Translator liest, lass mich doch wissen, was du von meinem Beitrag hältst.)

Er ist fleissig, hat gute Noten, bringt sich im Unterricht ein. Anders als die meisten macht er sich Notizen beim Unterricht. Er ist anständig, hält sich an die Regeln. Er gehört nicht zu den „coolen“, er sitzt in der vordersten Reihe. Er sieht anders wie die meisten aus, behaart und ohne Schlitzaugen. Wie offen und ehrlich er wirklich ist, weiss ich nicht. Früher soll er häufig zu hochprozentigem Alkohol gegriffen haben. Insbesondere, wenn es ihm schlecht ging, er sich traurig fühlte; Also täglich. Geraucht hat er auch. Heute tut er dies immer noch, aber nur im Verborgenem.

Sie ist hübsch. Sie hat schon zwei Mal nicht bestanden. Sie hat also nur noch eine Chance. Sie kifft in ihrer Freizeit.

Er glaubt nicht mehr an die Liebe, da er angefangen hat, Drogen zu konsumieren. (Pillen, die Psychiater verschreiben.) Er findet, Hitler sei ein grossartiger Redner gewesen. (Ich getraue mich nicht, zu schreiben, dass er ihn mochte.) Er ist lieb zu mir, ich mag ihn. Er war einmal alkoholisiert am Nachmittag neben mir gesessen.

Er hat gute Noten. Er ist aus einer wohlhabenden Familie. Jedesmal, wenn wir uns sehen, verwendet er das Wort „busy“, also beschäftigt. Neben dem Studium arbeitet er im Unternehmen der Eltern. Sein Studiengang ist Business. Sein Hobby ist Business.

Sie ist hübsch. Sie hat noch nie getrunken. Sie stammt aus dem Osten. Ihre Familie hat wenig finanzielle Kraft. Sie ist fleissig und schläft gerne. Sie hat mir von Geistergeschichten erzählt. Sie kennt sich gut aus mit Pflanzen.

Er kifft, er rappt. Er rappt übers Kiffen. Er hat einen Traum. Er möchte in die USA auswandern und dort im Rap-Business Millionen verdienen.

Sie ist süss. Sie schaut in ihrer Freizeit TV-Shows. Unter anderem ist sie Fan von „Game of Thrones“. (Leider konnte ich nicht mit ihr darüber sprechen, da ich noch nie eine Folge davon gesehen habe.) Sie verwendet das Wort Hashtag. Sie ist aktiv auf Facebook. Sie kichert ganz süss. Sie schreibt in ihrer Freizeit. Ihr Traum ist, Schriftstellerin zu werden. Ich wünsche ihr viel Erfolg, Disziplin und Durchhaltewillen.

Er hat Basketball in der Nationalmannschaft gespielt. Er hat Tattoos. Er ist cool. Er ist sehr herzlich. Seit mehreren Jahren ist er nüchtern. Früher nahm er Tabletten und trank.

Er ist Präsident der Studierenden. Er ist Leiter des Buddhismus-Clubs. Er ist ausserordentlich fleissig und viel beschäftigt. Er ist sehr herzlich.


Ozzie Kuda

Ozzie Kuda

Lebt vom März 2017 bis Juli 2017 als Student in Bhutan. Möge das Glück mit dir sein.
http://www.hellobhutan.ch


Comments

  1. Den füehrt ois de zuefall nach so villne jahre widr zeme und den sowas! Ich bi gwundrig, überrascht und im herze erwärmt. Igendwie sogar stolz weni das so sege derf haha wie du din weg gasch. Es freut mi seehr das dörfe lese 😉

  2. Hey Ozzie

    Ich weiss nöd öb di na erinnerisch, ich han dich vor dinere Abreis im Transa berate zu Rucksäck (glaub) und hends vo Bhutan und Skitoure gha. Han uf mim Bürotisch gad de Notizzeddel mit dim Blog gfunde und muss sege: Absolut hammer. Super Schriibstiil und spannendi IIblick „Hinder d’Kulisse“, vor allem de Teil mit de Studente-Portraits. Wird das sicher meh lese und wür mich freue nechst Winter (ufere Skitour?) mal chli meh zghöre vom Land und de Reis.

    Grüess us Züri,
    Tobias

    1. Hey Tobias! Schön vo dir zläse. Klar chan ich mich no a dich erinnäre. Han mich scho gfrögt, ob ich jemals no vo dir wird ghöre, hehe 🙂 Danke fürs Kompliment, ich freu mich sehr drübert. Näbed dä Skitoure reisisch doch amigs mit Velo und Zält? Lahn eus uf jede Fall öppis mache, wänn ich wieder zrugg bin. Au wänns nur Bier isch. Herzlichi Grüess nach Züri us Bhutan, Ozzie.

  3. ich lese deine artikel immer gerne und freue mich über videos von dir! hm, wenn ich das so lese: . vielleicht täusche ich mich, aber drogen scheinen im land wo es nicht um geld, sondern um glück geht eine relativ grosse rolle zu spielen?

    1. Lieber Simon. Schön, von dir zu lesen. Herzlichen Dank für deine Kommentare. Ein weiteres Video ist in Produktion. Ich schneide etwa 25 min Videomaterial, das braucht seine Zeit…

      Interessante Aussage von dir. In der Hauptstadt Thimphu geht es schon lange nicht mehr nur um Glück. „Development“ verändert die Kultur. Marketing und die Wünsche, die Marketing schafft; Geld; Kapitalismus… Haben tiefe Spuren hinterlassen. Ob in den ländlichen Gebieten (rural areas) die Leute ebenfalls Alkohol und Drogen konsumieren? Ich denke nicht.

      1. hey ozzie! ein grosses philosophisches thema. hier in der schweiz wird nach einem aktuellen mordfall an der goldküste grade über verantwortung über sein eigenes tun und handeln, wenn man drogen intus hatte diskutiert. und das 2017 – aber besser spät als nie… freu mich auf den austausch, wenn du zurück bist, wie das alles ist dort und bin schon gespannt aufs nächste video!

  4. Lieber Ozzy,

    Es isch wunderschön a dim abentüer teilzneh, danke für di möglichkeit!

    Es isch würkli e ganz anderi wält als di, wo mir uns gwohnt sind. Es isch erstuunlich, dass einigi wenigi mönet ganzi läbensistellige verändere könne, was aber au nume denn möglich isch, wenn ma dafür offe und emfänglich isch. Und das bisch Du ja!

    Wünsch Dir ganz e tolli räschtziit! Gnüss es in volle züg!

    PS.: Wär scho luschtig, wenn Dis Mami s telefon us dr schuel beko würdi… „Sie, Ihre sohn isch bim kiffe verwütscht worde!“ Und denn di verärgerti muetter, wo ihre luusbueb frühner als plant vom flughafe abholt… ;))))

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